PD Dr. med. Pawel Tacik referierte auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Dystonie

Dystonien sind Bewegungsstörungen, die vom Gehirn als Folge einer Fehlkontrolle ausgehen und sich als unwillkürliche und anhaltende Muskelverkrampfungen zeigen. Sie führen dabei zu abnormen Körperhaltungen oder zu unkontrollierbaren Bewegungen. Solche Dystonien können schmerzhaft sein und Menschen jeden Alters betreffen. Auf der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Dystonie 2019 referierte Priv.-Doz. Dr. med. Pawel Tacik über eine besondere Dystonieform – den Schreibkrampf. Anhand des prominenten Beispiels von Albert Schweitzer, der unter anderem als Arzt, Philosoph und evangelischer Theologe arbeitete und mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, beschrieb PD Dr. med. Pawel Tacik, wie er nur durch historische Dokumente und Schriftwechsel die Ursachen, Diagnose und Verlauf des Schreibkrampfes bei Albert Schweitzer untersuchte.

Ein Schreibkrampf ist eine aufgabenspezifische, umschriebene Dystonieform, die sich durch unwillkürliche, zum Teil schmerzhafte Verkrampfungen zahlreicher Muskeln der Hand, des Unter- aber auch Oberarms sowie des Schulterbereichs äußert. „Am historischen Beispiel von Albert Schweizer wollte ich die Entstehung und Entwicklung der Krankheit aus heutiger Sicht, nur auf Basis des damaligen Krankheitsverständnisses, der Fotos, Briefwechsel und des sich verändernden Schriftbilds darstellen,“ beschreibt der Spezialist für Botulinumtoxin-Therapie der Beta Neurologie sein Vorgehen.

Hierzu veröffentlichten er bereits 2012 gemeinsam mit den Kollegen der Medizinischen Hochschule Hannover und des Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrums in Frankfurt am Main einen Beitrag in der Fachzeitschrift „Parkinsonism and Related Disorders“ (doi: 10.1016/j.parkreldis.2011.10.022). Dieser wurde im Artikel „Albert Schweitzer: Ein Patient mit Schreibkrampf“ in „Ethik und Humanität. Albert Schweitzer aktuell“ 2012 aufgegriffen wurde. Sie können den Beitrag hier lesen.

Schreibkrampf – Eine durch Dystonie bedingte Bewegungsstörung mit Geschichte

Die erste wissenschaftliche Beschreibung des Schreibkrampfs stammt aus dem Jahre 1830 von Charles Bell, einem schottischen Anatomen und Physiologen. Albert Schweitzer wurde 45 Jahre später geboren und war ungefähr ab seinem fünften Lebensjahr einer intensiven Schreibtätigkeit ausgesetzt, sodass der Schreibkrampf aller Wahrscheinlichkeit nach auf diese Überbelastung zurückzuführen war. „Das Manifestationsalter des Schreibkrampfs im Falle von Albert Schweitzer ist nicht sicher festzustellen. Wir vermuten, dass er zwischen dem 25. und 37. Lebensjahr daran zu leiden begann,“ erklärt PD Dr. Pawel Tacik.

Im Erwachsenenalter zeichnete langsames, mitunter schmerzhaftes Schreiben mit für Dystonie typischer Stellung der Finger und des Handgelenkes sowie einer ungewöhnlichen Stifthaltung seinen schreibkrampfbedingten Schreibstil aus. Schnelles Ermüden und eine daraus resultierende unleserliche Handschrift ließen ebenfalls auf ein Schreibkrampfleiden schließen. „Für die Recherchen habe ich zusammen mit meinen Kollegen der Medizinischen Hochschule Hannover eng mit dem deutschen Albert-Schweitzer-Zentrum in Frankfurt am Main zusammengearbeitet. Aus historischen Dokumenten haben wir Hinweise und Belege für die Krankheitssymptome und deren Entwicklung herausgesucht,“ so PD Dr. med. Pawel Tacik weiter.

Im Erwachsenenalter klagte der Vielschreiber Schweitzer häufig über den Schreibkrampf, den er damals nach bestem Wissen zu unterdrücken versuchte. Spezielle Stifte und auf die Problematik angepasste Schreibhaltung machten es ihm möglich, trotz des Krampfes Texte zu Papier zu bringen. „Es ist beeindruckend, wie Albert Schweitzer den Willen aufbrachte, trotz der Beschwerden, seine Ziele weiter zu verfolgen,“ erinnert sich PD Dr. med. Pawel Tacik sich an seine Recherchearbeit. Schriftstücke belegen zudem, dass Albert Schweitzer Hilfsmittel und -wege wie das Nutzen einer Schreibmaschine und Diktieren ablehnte und trotz seiner Beschwerden bei der handschriftlichen Korrespondenz blieb.

Moderne Therapieverfahren gegen Schreibkrampf

Eine ursächliche Therapie des Schreibkrampfs gibt es nicht. Mit dem Einsatz symptomatischer Behandlungsmethoden, die vor allem Botulinumtoxin-Injektionen und ergotherapeutische Beratung, sowie die kontrollierte und individualisierte Gabe von oralen Medikamenten umfassen, können Schreibkrampfpatienten behandelt werden. „Dank der modernen Medizin können wir Patientinnen und Patienten heute sehr gut helfen, die Krämpfe unter Kontrolle zu bekommen,“ schließt PD Dr. Pawel Tacik, Neurologe und Spezialist für Botulinumtoxin-Therapie in der Beta Neurologie an der Beta Klinik Bonn.

Bildquelle: Deutsche Dystonie Gesellschaft e. V.