Bandscheibenvorfall

Bei einem Bandscheibenvorfall der Wirbelsäule entstehen durch eine Schwäche des hinteren Teils der Bandscheibe Schäden des Knorpelringes. D.h., der hintere Schutzring der Bandscheibe reißt ein oder wölbt sich vor. Dabei können Nerven eingeklemmt und gereizt werden (siehe Abbildungen A und B) und so heftige Beschwerden verursachen. Die meisten Bandscheibenvorfälle ereignen sich in der Lenden- und Halswirbelsäule.

Bandscheibenvorfall LWS / Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule

Symptome Bandscheibenvorfall LWS / Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule

Ein Bandscheibenvorfall kann Schmerzen verursachen, die bis ins Gesäß, Bein oder in den Fuß ausstrahlen können. Im schlimmeren Fall können auch Lähmungen und Gefühlsstörungen auftreten. Auch bei der Vorwölbung der Bandscheibe wird der Nerv so gereizt, dass starke Schmerzen entstehen können. Die Symptome des Bandscheibenvorfalls an der LWS im Überblick:

  • Rückenschmerz
  • Beinschmerz, der über das Gesäß in das Bein bis zum Fuß ausstrahlen kann
  • Lähmungen und Gefühlsstörungen der Beine

Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, in welcher Höhe der Bandscheibenvorfall auftritt und welche Richtung er nimmt. Man unterscheidet dabei solche die mittig sind und mehr Rückenschmerzen verursachen und solche die mehr seitlich sind und Beinschmerzen hervorrufen.

Ursache Bandscheibenvorfall LWS / Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule

Nicht nur schweres Heben oder Unfälle, auch falsches Drehen und bestimmte Bewegungen können bei entsprechender Veranlagung einen Bandscheibenvorfall auslösen. Risikofaktoren sind erbliche Faktoren („Bindegewebsschwäche”), Übergewicht und mangelnde Bewegung, ständiges Sitzen, bestimmte berufliche Belastungen (Berufskraftfahrer) und Rauchen. Eine schlechte Muskelkondition kann das Risiko eines Bandscheibenvorfalls zusätzlich vergrößern. Anatomische und biomechanische Faktoren begünstigen das Auftreten von Bandscheibenvorfällen insbesondere an der Lendenwirbelsäule und an der Halswirbelsäule, jeweils im unteren Drittel. Am häufigsten tritt ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel und dem 5. Lendenwirbel und dem Steißbein auf (sog. Segmente L4/5 und L5/S1). Die Ursachen des Bandscheibenvorfalls in der Übersicht:

  • schweres Heben, Unfälle, bestimmte Bewegungen
  • erbliche Faktoren („Bindegewebsschwäche”)
  • Übergewicht
  • mangelnde Bewegung, ständiges Sitzen
  • bestimmte berufliche Belastungen (Berufskraftfahrer)
  • schlechte Muskelkondition

Diagnostik Bandscheibenvorfall LWS / Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule

Um den Bandscheibenvorfall von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Beschwerden verursachen, werden Patienten zunächst neurologisch-orthopädisch untersucht inklusive einer umfangreichen Anamneseerhebung. Im Anschluss daran werden häufig bildgebende Untersuchungen wie die MRT durchgeführt. Mit der Magnetresonanztomographie lassen sich Bandscheibenvorfälle und andere Erkrankungen der Wirbelsäule sehr gut untersuchen und sichtbar machen. In der Beta Klinik verwenden wir einen offenen MRT, der es uns ermöglicht auch klaustrophobische Patienten oder solche bis 250 kg komfortabel zu untersuchen.

Das obere MRT-Bild zeigt einen großen Bandscheibenvorfall im untersten Bandscheibenfach der Lendenwirbelsäule, der auf den Nervenwurzelschlau drückt. Das rechte MRT-Bild zeigt denselben Bandscheibenvorfall in einer Querschnittsdarstellung.

Therapie Bandscheibenvorfall LWS / Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule

Nicht jeder Bandscheibenvorfall muss operiert werden. Ein Bandscheibenvorfall kann konservativ durch Behandlung mit schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln und Vermeidung schwerer körperlicher Belastung (insbesondere Bücken, Heben und Schieben sowie schnelle Drehbewegungen) erfolgreich behandelt werden. Allerdings kann dieser Heilungsprozess deutlich länger andauern. Nach der akuten Behandlung des Bandscheibenvorfalls sollte ein krankengymnastisches Programm mit speziellen Übungen zur Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur erfolgen.

Eine Überprüfung der Therapie sowie operatives Vorgehen sind beim Bandscheibenvorfall erforderlich, wenn nach einem konservativen Therapieversuch keine erhebliche Besserung eintritt, falls deutliche Taubheitsgefühle oder eine Schwäche/Lähmungen auftreten oder die Schmerzen unerträglich sind. Die klassische Lehrmeinung, den Bandscheibenvorfall nur bei akuten neurologischen Ausfällen oder drohender Querschnittslähmung zu operieren, ist überholt. Das sogenannte Stufenschema mit mindestens sechswöchiger konservativer Behandlung ist in Anbetracht moderner minimal-invasiver Operationsverfahren nicht mehr sinnvoll.

Eine Bandscheibenoperation ist neben den klassischen Indikationen (akute Lähmungen, drohende Querschnittslähmung) bei erheblichen Schmerzen, Gefühlsstörungen, bei bildgebend nachgewiesenen symptomatischen Vorfällen und unter Berücksichtigung der individuellen beruflichen und privaten Lebenssituation auch bereits nach wenigen Tagen indiziert. Klicken Sie bitte hier, um ausführliche Informationen darüber zu erhalten, wann eine Operation medizinisch indiziert ist.

Die Behandlungsmöglichkeiten des Bandscheibenvofalls lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die Behandlung des Bandscheibenvorfalls mit der Mikrotherapie ist vergleichbar der Mikrotherapie der Wirbelgelenke durchgeführt. Unter CT-Navigation wird eine feine Nadel in den knöchernen Wurzelkanal geführt und dort werden abschwellende und schmerzstillende Medikamente um die Wurzel herum platziert. Auch die Mikrotherapie des Bandscheibenvorfalls muss ähnlich wie die Mikrotherapie der Wirbelgelenke im Wochenabstand zwei bis drei Mal wiederholt werden. In schweren Fällen können die Medikamente auch epidural eingebracht werden. Das bedeutet, dass man sie in den Spinalkanal vor den Nervenwurzelsack (Duralsack) eingibt.

Die endoskopische Operation des Bandscheibenvorfalls ist eine sehr schonende und gleichzeitig effiziente Methode, die die Therapie der Bandscheibenvorfälle revolutioniert hat. Bei der endoskopischen Beseitigung des Bandscheibenvorfalls werden Muskulatur und Bänder geschont. Anstelle eines Hautschnittes als Operationszugang werden natürliche Knochenöffnungen der Wirbelsäule für das Einbringen des Endoskops benutzt. Möglich ist dies, da das Instrument nur 7 mm Durchmesser hat. Durch diesen nur 7 mm großen Operationszugang werden dann spezielle Instrumente eingeführt, um den Bandscheibenvorfall zu entfernen. In manchen Fällen kann es auch sinnvoll sein, eine endoskopische Abrasion vorzunehmen, bei der neben der Entfernung des Bandscheibenvorfalls der Knochen des angrenzenden Wirbelkörpers mit kleinen Fräsen und Löffeln so bearbeitet (“angefrischt”) wird, dass die Durchblutung angeregt wird. Zusätzlich dazu werden kleine Löcher in den Knochen gebohrt, damit Stammzellen ins Bandscheibenfach einströmen können, die die Grundlage für neues Stützgewebe mit “Stoßdämpferfunktion” sind.

Die mirochirurgische Operation des Bandscheibenvorfalls ist vergleichbar sicher und effizient wie die endoskopische Operation. Hier ist jedoch ein kleiner Hautschnitt nötig, durch den der Neurochirurg operiert. Mithilfe eines Operationsmikroskops ist ein millimetergenaues Vorgehen möglich.

In manchen Fällen wird die erkrankte Bandscheibe durch eine Bandscheibenprothese (Artificial disc replacement – ADR) ersetzt, die die Beweglichkeit und Flexibilität der Wirbelsäule trotz Bandscheibenentfernung erhält.

Bandscheibenvorfall HWS / Bandscheibenvorfall Halswirbelsäule

Symptome Bandscheibenvorfall HWS / Bandscheibenvorfall Halswirbelsäule

Bei einem Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule verspüren Patienten Schmerzen im Nackenbereich, die in Schulter und Arm oder in den Hinterkopf ausstrahlen können. Nicht selten sind diese Schmerzen mit neurologischen Ausfallerscheinungen wie Ameisenlaufen, Kribbeln und Gefühlsstörungen im Arm und in der Hand verbunden. Ein großer Bandscheibenvorfall kann auch Gangstörungen und Beschwerden in den Beinen auslösen. Selbst durch eine bloße Vorwölbung der Bandscheibe wird der Nerv so gereizt, dass starke Schmerzen entstehen können. Die Symptome des Bandscheibenvorfalls an der HWS im Überblick:

  • Nackenschmerz
  • ausstrahlende Schmerzen z. B. in Schultern, Arme, Hände, Finger
  • Gefühlsstörungen, Ameisenlaufen, Kribbeln in Armen und Händen
  • Gangstörungen und Beschwerden in den Beinen

Ursache Bandscheibenvorfall HWS / Bandscheibenvorfall Halswirbelsäule

Nicht nur schweres Heben oder Unfälle, auch falsches Drehen und bestimmte Bewegungen können bei entsprechender Veranlagung einen Bandscheibenvorfall auslösen. Risikofaktoren sind erbliche Faktoren („Bindegewebsschwäche”), Übergewicht und mangelnde Bewegung, ständiges Sitzen, bestimmte berufliche Belastungen (Berufskraftfahrer) und Rauchen. Eine schlechte Muskelkondition kann das Risiko eines Bandscheibenvorfalls zusätzlich vergrößern. Anatomische und biomechanische Faktoren begünstigen das Auftreten von Bandscheibenvorfällen insbesondere an der Lendenwirbelsäule und an der Halswirbelsäule, jeweils im unteren Drittel. Durch zunehmende Schreibtisch- und Computerarbeit, aber auch durch Verletzungen der Halswirbelsäule ist ein Anstieg der Verschleißprozesse zu verzeichnen. Die Ursachen des Bandscheibenvorfalls in der Übersicht:

  • schweres Heben, Unfälle, bestimmte Bewegungen
  • erbliche Faktoren („Bindegewebsschwäche”)
  • Übergewicht
  • mangelnde Bewegung, ständiges Sitzen
  • bestimmte berufliche Belastungen (Berufskraftfahrer)
  • schlechte Muskelkondition
  • Verschleiß

Diagnostik Bandscheibenvorfall HWS / Bandscheibenvorfall Halswirbelsäule

Um den Bandscheibenvorfall von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Beschwerden verursachen, werden Patienten zunächst neurologisch-orthopädisch untersucht inklusive einer umfangreichen Anamneseerhebung. Im Anschluss daran werden häufig bildgebende Untersuchungen wie die MRT durchgeführt. Mit der Magnetresonanztomographie lassen sich Bandscheibenvorfälle und andere Erkrankungen der Wirbelsäule sehr gut untersuchen und sichtbar machen. In der Beta Klinik verwenden wir einen offenen MRT, der es uns ermöglicht auch klaustrophobische Patienten oder solche bis 250 kg komfortabel zu untersuchen.

Therapie Bandscheibenvorfall HWS / Bandscheibenvorfall Halswirbelsäule

Die Ursachen und Entstehungsmöglichkeiten beim Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule sind ähnlich wie beim Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule. Ebenfalls vergleichbar sind konservative Behandlungsmethoden und die Mikrotherapie. Die operativen Behandlungsmöglichkeiten sind hier jedoch anders.

Nicht jeder Bandscheibenvorfall muss operiert werden. Ein Bandscheibenvorfall kann konservativ durch Behandlung mit schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln und Vermeidung schwerer körperlicher Belastung (insbesondere Bücken, Heben und Schieben sowie schnelle Drehbewegungen) erfolgreich behandelt werden. Allerdings kann dieser Heilungsprozess deutlich länger andauern. Nach der akuten Behandlung des Bandscheibenvorfalls sollte ein krankengymnastisches Programm mit speziellen Übungen zur Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur erfolgen.

Eine Überprüfung der Therapie sowie operatives Vorgehen sind beim Bandscheibenvorfall erforderlich, wenn nach einem konservativen Therapieversuch keine erhebliche Besserung eintritt, falls deutliche Taubheitsgefühle oder eine Schwäche/Lähmungen auftreten oder die Schmerzen unerträglich sind. Die klassische Lehrmeinung, den Bandscheibenvorfall nur bei akuten neurologischen Ausfällen oder drohender Querschnittslähmung zu operieren, ist überholt. Das sogenannte Stufenschema mit mindestens sechswöchiger konservativer Behandlung ist in Anbetracht moderner minimal-invasiver Operationsverfahren nicht mehr sinnvoll.

Eine Bandscheibenoperation zur Entfernung des Bandscheibenvorfalls ist neben den klassischen Indikationen (akute Lähmungen, drohende Querschnittslähmung) bei erheblichen Schmerzen, Gefühlsstörungen, bei bildgebend nachgewiesenen symptomatischen Vorfällen und unter Berücksichtigung der individuellen beruflichen und privaten Lebenssituation auch bereits nach wenigen Tagen indiziert. Klicken Sie bitte hier, um ausführliche Informationen darüber zu erhalten, wann eine Operation medizinisch indiziert ist.

Die Behandlungsmöglichkeiten beim Bandscheibenvorfall in der HWS lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die Behandlung des Bandscheibenvorfalls mit der Mikrotherapie ist vergleichbar der Mikrotherapie der Wirbelgelenke durchgeführt. Unter CT-Navigation wird eine feine Nadel in den knöchernen Wurzelkanal geführt und dort werden abschwellende und schmerzstillende Medikamente um die Wurzel herum platziert. Auch die Mikrotherapie beim Bandscheibenvorfall muss ähnlich wie die Mikrotherapie der Wirbelgelenke im Wochenabstand zwei bis drei Mal wiederholt werden. In schweren Fällen können die Medikamente auch epidural eingebracht werden. Das bedeutet, dass man sie in den Spinalkanal vor den Nervenwurzelsack (Duralsack) eingibt.

Die mirochirurgische Operation des Bandscheibenvorfalls ist vergleichbar sicher und effizient wie die endoskopische Operation. Hier ist jedoch ein kleiner Hautschnitt nötig, durch den der Neurochirurg operiert. Mithilfe eines Operationsmikroskops ist ein millimetergenaues Vorgehen möglich. Von vorne wird die Bandscheibe sondiert, ausgeräumt und der Bandscheibenvorfall entfernt. Bestehen zusätzlich knöcherne Einengungen des Spinalkanals oder Nervenwurzelkanals, können diese ebenfalls beseitigt werden. Als Ersatz der Bandscheibe wird ein stabiles Implantat (meist ein sog. Cage) eingesetzt.

In manchen Fällen wird die erkrankte Bandscheibe bei einem Bandscheibenvorfall durch eine Bandscheibenprothese (Artificial disc replacement – ADR) ersetzt, die die Beweglichkeit und Flexibilität der Wirbelsäule trotz Bandscheibenentfernung erhält.

Indikation OP Bandscheibenvorfall

Dieser Text ist primär für ärztliche Kollegen geschrieben, kann jedoch auch für interessierte Nicht-Medizinier im Einzelfall interessant sein; falls Begriffe unklar sind, dürfen wir auf unser Glossar verweisen, oder fragen Sie bei uns nach. Sie können den Text auch als PDF herunterladen. Klicken Sie dazu bitte hier mit der rechten Maustaste, wählen Sie dann speichern unter und geben Sie anschließend das gewünschte Ziel ein.

Die nachfolgende Darstellung erfolgt auf Basis einer Literatur-Analyse unter Berücksichtigung der derzeit gültigen Leitlinien beteiligter Fachgesellschaften und internationaler Empfehlungen.

Der Indikationsstellung zur operativen Behandlung bei lumbalem und cervikalem Bandscheibenvorfall ist wie bei allen operativen Verfahren auch für den Erfolg entscheidend. Bei richtig selektierten Patienten ist die operative Behandlung des lumbalen Bandscheibenvorfalls nach der aktuellen Literatur zu etwa 90% erfolgreich. Dabei ist der Bandscheibenvorfall (sog. „weicher Prolaps”) klar von den knöchernen Stenosen (Harddisk, Spinalstenose) zu differenzieren. Denn bei einer fixierten knöchernen Stenose mit Claudicatio spinalis ist eine wie auch immer geartete konservative Behandlung in der Regel zur dauerhaften Heilung nicht geeignet. Sie kann sogar unter Umständen eine fehlerhafte Behandlung darstellen (z. B. cervikale Spinalstenose mit Myelopathie, siehe unten).

Eine symptomatische Spinalstenose ist ähnlich zu bewerten wie ein sog. Massenprolaps und beinhaltet eine Cauda-Kompression mit der Gefahr der bleibenden Querschnittslähmung. Daher ist primär die OP-Indikation gegeben. Noch mehr gilt dies für die cervikale Spinalstenose mit im MRT sichtbarer Myelopathie. Hier eine konservative Behandlung zu indizieren und die OP Indikation abzulehnen, ist fast schon ein Kunstfehler, da bereits bei Bagatelltraumen eine Querschnittslähmung auftreten kann.

Die Indikationsdiskussion über konservative versus operative Behandlung stellt sich also lediglich beim sogenannten unkomplizierten „weichen” Bandscheibenvorfall, also der Vorfall ohne neurologische Begleitsymptomatik mit leichteren Schmerzen und moderaten Veränderungen in der Bildgebung.

Die Indikationskriterien, selbst und vor allem bei Patienten mit diesen „unkompliziertem Bandscheibenvorfall” sind nicht eindeutig festgeschrieben (vergl. auch Lühmann et al.). Evidenzbasierte Leitlinien sehen als Grundvoraussetzung für alle invasiven Maßnahmen bei Bandscheibenvorfall, dass eine Übereinstimmung der Ergebnisse von Anamnese und klinischer Untersuchung einerseits sowie den Ergebnissen bildgebender Untersuchungsverfahren (z. B. CT, MRT) andererseits gegeben sein muss. Außerdem sind die Erwartungen des Patienten in Bezug auf Ursache und Verlauf seiner Erkrankung sowie seine Lebensumstände prognostische Faktoren, die bei der Entscheidung zur Operation berücksichtigt werden sollen (Clinical guideline on low back pain (AAOS) und Leitlinie „Kreuzschmerzen”, Evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, 2003)

In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (letzte Version) werden auch die frisch aufgetretene hochgradige Lähmung sowie der „drohende Wurzeltod” als Notfalloperation klassifiziert.

Außerdem wird bei Lähmungen, zunehmenden Sensibilitätsstörungen, Massenvorfall (ggf. mit knöcherner Enge) und bei großen Sequestern (ggf. mit knöcherner Enge) eine Operation im Ablaufschema der Leitlinie angezeigt, ohne dass zuvor konservativ behandelt wird. Bei massiven radikulären Schmerzen, die kurzfristig nicht durch Analgetika beeinflussbar sind, und einem adäquaten Befund in der Bildgebung (i.d.R. MRT) ist ebenfalls ein frühes operatives Vorgehen gerechtfertigt.

Bei leichteren Verläufen ist eine konservative Therapie, die aber innerhalb eines Zeitraumes von 6-8 Wochen eine deutliche Verbesserung der Schmerzen und eine Zunahme der Belastbarkeit erbringen sollte, eine Alternative. Anderenfalls muss eine Umstellung der Therapie respektive eine operative Maßnahme diskutiert werden (Rothoerl et al. 2002, Postacchini 1996). Eine unkritische Fortführung der konservativen Therapiemaßnahmen birgt die Gefahr der Chronifizierung von Schmerzsyndromen in sich.

Für die Gruppe der Patienten mit symptomatischem und klinisch gesichertem (Anamnese, klinische Untersuchung, ggf. bildgebende Diagnostik) Vorfall, aber ohne Cauda-equina-Syndrom und ohne progressive motorische Dysfunktion, fehlt eine klare Therapie-Empfehlung (Operationsindikation ja oder nein) in allen Leitlinien. Abgesehen davon ist diese Leitlinie nicht mehr gültig; sie galt nach Angabe im Text der Leitlinie bis 2006. Eine neue existiert bislang nicht. Davon abgesehen, dass Leitlinien Empfehlungscharakter haben und nicht verbindliche Anweisungen sind, liegt die Therapie-Entscheidung im Ermessen des behandelnden Arztes unter Berücksichtigung aller klinischen und persönlichen Aspekte des Patienten.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie existiert zum Thema Bandscheibenvorfall keine bzw. keine aktuelle Leitlinie.

Einige, auch ausländische (USA), evidenzbasierte orthopädische Leitlinien fordern bei zweifelsfreier Übereinstimmung der Ergebnisse aus Anamnese, klinischer und bildgebender Diagnostik sowie berücksichtigten Patientenerwartungen vor der primären Diskektomie ein initiales Abwarten von vier bis acht Wochen mit konservativer Therapie.

Krämer et al. sehen eine Indikation zur lumbalen Diskotomie gegeben, wenn sich nach mindestens sechswöchiger konservativer Behandlung keine Besserung der Symptomatik (starke Schmerzen) ergibt und eine CT/MRT eindeutig eine Bandscheibenprotrusion bzw. einen -prolaps nachweist. Als Kontraindikationen für eine lumbale Diskotomie geben sie Kreuzschmerzen ohne radikuläre Symptomatik, Unklarheiten in der Diagnose, fehlende Bereitschaft des Patienten und Wirbelsäulenhypochondrie an. Es handelt sich hier um eine publizierte Einzelmeinung, nicht um die Aussage z. B. einer Fachgesellschaft.

Andere Autoren äußern hingegen, dass der Leidensdruck des Patienten ein wesentlicher Faktor bei der Stellung der frühen Indikation für invasive Therapieverfahren bei Patienten mit diskogenem Rückenschmerz auch ohne begleitende neurologische Defizite ist (Mayer, HM: Discogenic low back pain and degenerative lumbar spinal stenosis – how appropriate is surgical treatment? In: Der Schmerz 15 (2001) Nr. 6, S. 484-491).

Insofern gibt es keine klare Definition der Indikationen und keine evidenzbasierte verbindliche Leitlinie. Es ist eine Entscheidung des behandelnden Arztes im Einzelfall unter Berücksichtigung aller relevanten Fakten und Befunde.

Für Deutschland sind gebräuchliche Indikationsregeln für den nicht als Notfall oder dringliche Operation einzustufenden Eingriff bei bandscheibenbedingter Ischialgie bzw. für die degenerative lumbale Nervenwurzelkompression über die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) herausgegeben (vergl. Lühmann et al.). Beide Leitlinien ziehen bei der Definition des Störungsbilds anamnestische Angaben, klinische Unter- suchungsbefunde und die Ergebnisse bildgebender Verfahren heran. Die Entscheidung hat der behandelnde Arzt im Einzelfall zu treffen.

Daraus resultiert, dass keinesfalls ein schematisches Vorgehen mit regelhaft vorausgehender konservativer Behandlung gefordert wird, sondern ein auf den Einzelfall ausgerichtetes Vorgehen, das der individuellen Situation des Patienten gerecht wird.

Bei den zitierten deutschen Leitlinien bleibt zudem zu bedenken, dass es sich um so genannte Stufe 1 Leitlinien handelt. Die Inhalte werden von einer Expertengruppe innerhalb der Fachgesellschaften erarbeitet. Eine systematische und transparente Unterlegung der ausgesprochenen Empfehlungen mit entsprechender Evidenz aus klinischen Studien erfolgt nicht.

In der Medizin hat sich als Definition des Begriffes „Evidenz” die englischsprachige Bedeutung der „besten zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnis” eingebürgert. Bei konkurrierenden Diagnose- und Therapiemöglichkeiten bedeutet ein hoher Empfehlungsgrad für eine einzelne Maßnahme jedoch nicht automatisch, dass sie allen anderen überlegen sein muss. Die Evidenzaussage bezieht sich auf die untersuchte Fragestellung und oft fehlen entsprechende Studien für die anderen Methoden oder zum Vergleich der Methoden. Eine Unwirksamkeit oder Unterlegenheit kann nur bei explizitem Nachweis als gesichert angesehen werden. Leitlinien sind dazu nicht verbindlich; die Behandlungsfreiheit des Arztes bleibt bestehen, insbesondere da die Leitlinien nach der Einteilung der international akzeptierten Empfehlungen des SIGN der Gruppe D und nicht A oder B zuzuordnen sind.

Bei der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie ist des Weiteren zu berücksichtigen, dass die letzte Überarbeitung 2004 (im wesentlichen unverändert sei 1999 und mit Gültigkeit bis 2006) erfolgt ist und die operativen Verfahren, insbesondere die mikroneurochirurgischen Methoden und die endoskopische Technik erhebliche Fortschritte gemacht haben, sodass die Operation nicht nur wesentlich komplikationsärmer sondern auch noch erfolgreicher ist.

Es ist daher einem schwer schmerzgeplagten Patienten oder einem Patienten mit entsprechendem sozialem oder beruflichem Hintergrund (z. B. selbständiger Unternehmer, Handwerker oder z. B. auch Profisportler etc.) aus medizinischer und beruflich existentieller Sicht nicht zuzumuten, eine konservative Behandlung von sechs Wochen durchzuführen, obwohl es gute Alternativen mit deutlich schnellerer Heilung gibt, zumal dazu die Gefahr einer Krankheitsverschlimmerung besteht und die medikamentöse Therapie auch mit erheblichen Nebenwirkungen, Risken und der Gefahr der Chronifizierung behaftet sein kann.

Wir versuchen daher, in jedem Fall – im interdisziplinären Kontext (Neurochirurgie, Neurologie, Orthopädie und Schmerztherapie) für den individuellen Patienten die für ihn bestmögliche Behandlung zu evaluieren. Dies kann beim lumbalen Bandscheibenvorfall ein konservatives Vorgehen sein aber auch im Einzelfall ein frühes operatives Vorgehen ohne langdauernde konservative Behandlung.

Cervikale Vorfälle und hochgradige lumbale Spinalkanalstenosen und cervikale Spinalkanalstenosen sind wie oben erläutert grundsätzlich anders zu betrachten.

Es ist unseres Erachtens nicht richtig, ohne klare wissenschaftliche Grundlage – und sogar teilweise gegen die Empfehlungen aus der wissenschaftlichen Literatur – pauschal und noch dazu bei sehr verschiedenartigen Erkrankungen mit unterschiedlicher Ätiologie und Prognose ein starres Vorgehen mit konservativer Behandlung zu fordern.

Für weitere Informationen besuchen Sie unsere Website:

www.endoskopische-bandscheiben-operation.de